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Züge sind die Waffen moderner Sekundanten

"Sterbegesänge auf Kramnik anstimmen" nach dritter Niederlage gegen Anand / Starke Eröffnungsvarianten im Schach so wertvoll wie Gold

Text und Fotos von FM Hartmut Metz, 25. Oktober 2008

 

"Für Kramnik bahnt sich ein Debakel an, man kann langsam Sterbegesänge anstimmen", urteilt Großmeister Helmut Pfleger gewohnt wortgewaltig. Der eloquente Münchner Fernsehmoderator, der die Partien für die Besucher der Schach-WM in Bonn kommentiert, weiß: Nach der dritten Niederlage binnen der letzten vier Partien hilft dem russischen Herausforderer nur noch ein "Wunder", um Weltmeister Viswanathan Anand vom Thron zu stoßen.

Vor der heutigen (15 Uhr) siebten von maximal zwölf Partien führt der Inder schier uneinholbar mit 4,5:1,5. Lediglich sechsmal in der 122-jährigen Geschichte der Schach-Weltmeisterschaften konnte ein Spieler solch einen Rückstand aufholen verlor in den aktuellsten zwei Fällen aber am Schluss dennoch das Match. Anatoli Karpow war dabei jeweils beteiligt. 1978 schlug er trotzdem Viktor Kortschnoi mit 6:5 und unterlag 1986 Garri Kasparow. Die Legende eröffnete die sechste Begegnung in der Bundeskunsthalle als Ehrengast mit dem ersten Zug. Glück brachte der Russe seinem Landsmann jedoch nicht. Kramnik verlor zum ersten Mal mit Schwarz, weil er mit der Brechstange den Anschluss schaffen wollte. Anand nahm ein Bauernopfer an, schlug den tollkühnen Angriff ab und zwang den Gegner im 47. Zug zur Aufgabe. "Seine Situation ist hoffnungslos", befand Karpow anschließend.

Inzwischen ist auch klar: Die WM wurde bereits vor dem ersten Zug entschieden! Anand hatte bei der Vorbereitung die besseren Sekundanten. Im Schach reichen diese, anders als zu blutrünstigeren Zeiten, den Streithähnen keine Pistolen oder Degen. Ihre Waffenwahl auf den 64 Feldern sieht anders aus: Die Eröffnungsvarianten sind ihr weites Feld, auf dem sie durch ellenlange Zugfolgen Vorteile schaffen sollen. Gelingt das, vollstreckt ihr Herr und Meister im Idealfall die Steilvorlage zum ganzen Punkt.

So geschehen in Partie drei, als Anand bis zum 18. Zug die Variante in neun Minuten herunterspulte. Weil der bis dahin ebenfalls flinke Kramnik in langes Brüten verfiel und 78 seiner 120 Minuten verbrauchte, war klar: Den Turmzug des Inders hatte er zuvor nie auf dem heimischen Analysebrett gesehen. Mühsam ersann der Russe ein brillantes Läuferopfer, das Anand auch nicht bedachte, allerdings nach langem Nachdenken perfekt konterte. In der fünften Runde nahm Kramnik den Fehdehandschuh auf und wagte erneut die Meraner Variante. Bevor der 33-Jährige jedoch eine Verstärkung seines Teams anbringen konnte, überraschte ihn der Weltmeister diesmal bereits im 15. Zug mit einer Abweichung. Das Szenario der dritten Partie wiederholte sich: Kramnik geriet in der komplizierten Stellung in Zeitnot und patzte. "Es sind schlimme Tage", jammerte er angesichts des 1,5:4,5 entnervt.

Seit dem Frühjahr werkeln die beiden WM-Finalisten mit ihren Gehilfen und Schachcomputern an den Eröffnungen. Zu Sowjet-Zeiten hatten die Weltmeister sogar den gesamten Verband mit Hundertschaften hinter sich, wenn gegen ausländische Gegner die "geistige Überlegenheit des Proletariats" zu beweisen war. Schon im Kommunismus galt: Neuerungen - starke Züge, die bis dato in einer Variante nicht gefunden und gespielt wurden - sind Gold wert! Auch Anand und Kramnik hüteten die tiefer erforschten Eröffnungssysteme bis zur Selbstaufgabe. Deswegen rutschten sie in der Weltrangliste seit Januar vom gemeinsamen ersten Platz bis auf Rang fünf (Anand) und sechs ab. Keiner wollte die gesammelten Fallstricke in Turnieren zeigen, da sie dann in der Schachwelt bekannt und für die WM wertlos gewesen wären. Entsprechend schwach schnitten der Inder und sein Herausforderer ab und belegten bei ihren Generalproben in Bilbao beziehungsweise Dortmund wegen des Handicaps ungewohnte letzte Plätze.

Neben den Eröffnungsneuerungen werden selbst die Sekundanten geheim gehalten - schließlich hat jeder Großmeister spezielle Eröffnungsvorlieben, und der Konkurrent könnte mit den Namen auf geplante Veränderungen im Repertoire schließen. Deshalb dementierte Anand nicht, als Gerüchte auftauchten, der mit ihm befreundete 17-jährige Weltranglistendritte Magnus Carlsen arbeite ebenfalls als Sekundant für ihn. Erst in Bonn gaben die beiden Teilnehmer ihre tatsächlichen Teams preis: Dass Anand wie gewohnt den Dänen Peter Heine Nielsen einsetzt, war keine Überraschung. Schon eher das Engagement seines Landsmannes Surya Shekar Ganguly und des usbekischen Ex-Weltmeisters Rustam Kasimdschanow. Völlig unerwartet sitzt als vierter Großmeister Radoslaw Wojtaszek mit im Boot. Der Pole trug offensichtlich dazu bei, dass der Weltmeister statt mit dem Königs- jetzt mit dem weißen Damenbauern das Spiel eröffnet. Daher hat Kramnik monatelange Arbeit auf den falschen ersten Zug verschwendet.

Bis auf die sechste Partie musste immer Kramnik als Erster anfangen, länger nachzudenken - obwohl der Ex-Weltmeister die deutlich hochkarätigeren Großmeister in seinem Stab hat: neben dem Weltranglisten-32. Sergej Rublewski (Russland) und dem -46. Laurent Fressinet (Frankreich) vor allem Peter Leko. Dem Ungarn entriss der Russe anno 2004 den schon sicher geglaubten WM-Titel mit seinem Sieg in der letzten Partie. Dass der Weltranglistenneunte die Lager wechselte, nimmt Anand gelassen: "Peter half mir vor zehn Jahren beim WM-Match gegen Anatoli Karpow. Ich habe kein Problem damit, dass er das interessante Angebot von Kramnik annahm." Leko sieht es ähnlich: "Meine Freundschaft zu Vishy sollte nicht darunter leiden. Wir sind Profis und wissen das zu trennen."

Der 29-Jährige erhofft sich durch die Mitarbeit neben einer Beteiligung am Preisgeld von 600.000 Euro "Fortschritte in meinem Spiel". Über weitere Details mochte der ansonsten so redegewandte Budapester nicht weiter parlieren. Sekundanten müssen verschwiegen sein und sich vertraglich verpflichten, keine der wertvollen Eröffnungsneuerungen bis zur WM zu verpulvern. Schließlich könnte eine Variante noch in den verbleibenden sechs Partien in Bonn aufs Brett kommen. Die Arbeit für Leko, Rublewski und Fressinet bleibt heikel. Bis heute Mittag versucht das Trio im Hotelzimmer verzweifelt, die offene Wunde zu schließen, die Anands Quartett mit der gelungenen Eröffnung aus der dritten und fünften Runde aufgerissen hat.

WM 2008
Weltmeister Viswanathan Anand (rechts) muss auch manchmal gegen seine Sekundanten wie Peter Heine Nielsen antreten. Im Gegensatz zu 2004 spielt der Däne aber mittlerweile auch im Baden-Badener Bundesliga-Teamt
WM 2008
Laurent Fressinet (rechts) parliert mit einem ebenfalls französischen Großmeister, Anatoli Waisser
WM 2008
Peter Leko (rechts) im Interview mit dem russischen Journalisten Jewgeni Atarow
WM 2008
Sergej Rublewski (links) unterhält sich mit Igor Botwinnik, dem Neffen des sechsten Schach-Weltmeisters Michail Botwinnik


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